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Wir sollten lieber auf Wasserstoff setzen

11. Juli 2020

Für Wolfgang Arlt hat die Corona-Krise auch etwas Gutes: Sie brachte die Politik dazu, mehr auf die Wissenschaftler zu hören. Im NZ-Interview erzählt der Professor, der bis zu seiner Emeritierung 2018 den Lehrstuhl für Thermische Verfahrenstechnik an der FAU Erlangen-Nürnberg innehatte, was gegen den Klimawandel helfen könnte.

NZ: Herr Professor Arlt, worin sehen Sie das größte Problem für unsere Umwelt?

Wolfgang Arlt: In der Produktion von CO2, dem Kohlendioxid. Warum manche Menschen am Klimawandel zweifeln, kann ich nicht nachvollziehen. Wenn wir so weitermachen wie bis jetzt, werden wir bald keine Fische mehr in den Meeren haben, weil das Wasser an der Oberfläche für sie zu sauer wird. Dann haben wir eine Welternährungskrise. Denn viele Länder zum Beispiel in Südostasien ernähren sich von Fisch. Das Problem ist nur: Unser Klima verändert sich langsam. Die Ursachen für Veränderungen können viele Jahre zurückliegen. Das macht es uns schwer, die Zusammenhänge zwischen Ursachen und deren Folgen für das Klima zu erfassen.

NZ: Welche Rolle spielen Wissenschaftler beim Klimaschutz?

Arlt: Wenn man die deutsche Wissenschaft von der Leine lässt und in sie investiert, dann passiert richtig was. Wir haben unglaublich viel Kompetenz hierzulande. Ich bin sehr optimistisch, dass wir Wege finden werden, viel mehr fürs Klima zu tun. Die Wissenschaftler brauchen aber eine Leitplanke. Die Gesellschaft soll uns sagen, was sie will und unter welchen Bedingungen sie das will. An der Corona-Krise konnte man sehen, dass die Politik zum ersten Mal der Wissenschaft zugehört hat. Das ist nicht immer so gewesen.

NZ: Wie hilfreich sind die Versuche jedes Einzelnen, umweltfreundlicher zu leben?

Arlt: Es gibt Dinge, die man ohne großen Aufwand verbessern kann. Zum Beispiel nur zwei statt drei Mal im Jahr fliegen. Es wird die Umwelt zwar nicht retten, aber es ist ein Beitrag, der uns nichts kostet. Wir sollten erst einmal das tun, was uns nichts kostet.

NZ: Wie stehen Sie zu E-Autos?

Arlt: Alle heute diskutierten Fahrzeuge sind Elektroautos, das heißt, der Antrieb ist ein Elektromotor. Der Unterschied liegt allein in der Energiequelle: entweder sind das Batterien oder Brennstoffzellen, die – mit Wasserstoff versorgt – Strom liefern. Ich glaube, dass Batterie-Elektroautos keine Zukunft haben. Zudem sind die wirklichen Reichweiten auch heute noch sehr kurz. Mobilität funktioniert heute nur mit importierter Energie. Diese Mengen könnten wir elektrisch nicht importieren. Wir sollten lieber auf Wasserstoff setzen. Er kann den Elektromotor gut mit Strom versorgen. Es geht hier aber nicht nur um Autos. Wenn wir auf Wasserstoff als Energielieferant umsteigen, dann geht es um ein ganzes Energiesystem für die gesamte Industrie. Eines, das viel umweltfreundlicher wäre. Und grüner Wasserstoff wird aus regenerativ erzeugter Elektrizität durch Elektrolyse hergestellt. Verpackt in sogenannte Liquid Organic Hydrogen Carrier, eine Entwicklung der FAU Erlangen-Nürnberg, kann Wasserstoff als Flüssigkeit importiert werden.

NZ: Warum dominiert noch das Erdöl als Energielieferant?

Arlt: Die Umstellung würde einen gesellschaftlichen Umbruch bedeuten. Das birgt die Gefahr des Scheiterns oder hoher Kosten. Das wollen weder Politik noch die Industrie riskieren, weil sie größere Bevölkerungsgruppen nicht verärgern wollen.

NZ: Wird unsere Gesellschaft aus der Corona-Krise lernen?

Arlt: Es kann nicht sein, dass wir diesen teuren Lockdown hatten und machen nun weiter wie bisher. Wir konnten zum Beispiel schon sehen, dass es bei uns positive Elemente gibt. Vielleicht haben wir gelernt, dass unser Seelenheil nicht im Fliegen ruht oder im allwöchentlichen Restaurantbesuch oder 60 Paar Schuhen im Schrank. Wir haben auch gelernt, dass es besser wäre, die Medikamente nicht nur im Labor in China herstellen zu lassen, sondern auch bei uns. Wir wären dumm, wenn wir keine Lehren daraus ziehen würden. Aber die Umstellungen fallen den Menschen schwer. Fragen:

Petronella Varga, Emy Soumah, Ella Schindler, Angelina Chichos

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