+ Schwerpunkt Europa- Donauwörther Zeitung
Was hat Europa mit uns zu tun?

16. Juli 2019

Reisefreiheit, Brexit, Frieden, Bürokratie, Gurkenkrümmungsverordnung und Interrail. Europa und die EU – irgendwie ist das Begriffspaar in aller Munde. Bei den einen als Hoffnungsschimmer für die Völkerverständigung, bei den anderen als Feindbild für lähmende Politdebatten. Manchmal merkt man kaum, dass sowohl Europa als auch die EU fest im Alltag verankert ist. In der Region vielleicht sogar etwas mehr als anderswo im Land.

Beispiel Airbus. Am Donauwörther Standort arbeiten Menschen aus gut 40 Nationen – die meisten sind EU-Bürger. Joachim Herfert ist Ausbildungsleiter bei Airbus Helicopters in Donauwörth, mit gut 7000 Mitarbeitern der mit Abstand größte Arbeitgeber im Landkreis.

Airbus ohne Europa? Für Herfert ist das kaum vorstellbar. Das Unternehmen verstehe sich als internationaler Konzern. Niederlassungen auf der ganzen Welt versprächen weitaus bessere Absatzmärkte, da ist sich Herfert sicher. Doch die Produktion in unterschiedlichen Ländern, in Europa vor allem in Deutschland, Frankreich und Spanien, habe auch ihre Herausforderungen. Mitarbeiter mit verschiedenen Muttersprachen und kulturellen Hintergründen sind aufeinander angewiesen. Die Verständigung muss klappen, um einwandfreie Produkte zu verkaufen. Auch deshalb setzt sich Airbus bereits bei den Auszubildenden für internationale Begegnungen ein. Verschiedene Nationen und Kulturen sollen sich begegnen. Nicht nur an der Werkbank, sondern auch in der Kantine oder im privaten Rahmen. „Für die Mitarbeiter ist es normal, mit Menschen aus anderen Ländern zu interagieren“, sagt Herfert. Und das fange bei den Jungen an, für die der internationale Kontakt normal sein sollte.

Joachim Herfert im Radiointerview:

 

Sprachtutoren sollen den jungen Menschen helfen, die Scheu vor der fremden Sprache zu verlieren. Herfert erklärt, dass regelmäßig Studenten aus England für einige Monate nach Donauwörth kämen, um die Azubis aus der Region lebensnah zu schulen. Das beginnt beim Small Talk, geht über Fachausdrücke bis hin zum Fahrkartenkauf am Bahnhof. Ein Zurück aus der europäischen beziehungsweise internationalen Ausrichtung – nein, das wäre  wäre wohl nicht denkbar, sagt Herfert. Zu eng verknüpft seien die Wirtschaft und auch die Menschen aus den vielen Nationen untereinander.

 

Verknüpfung ist ein passender Begriff für den Energiesektor. Hier ist irgendwie alles ganz lokal und doch gleichzeitig voll europäisch, wie Ingo Butters vom regionalen Energieversorger LEW erklärt. Im Landkreis Donau-Ries ist man sogar Vorreiter bei zwei Projekten zur künftigen Stromversorgung. Wer an der Schnellermühle im Donauwörther Stadtteil Nordheim vorbeifährt, dem mag eine seltsame Folie auffallen. Die könnte bald eine große Rolle in ganz Europa spielen. Über die laminat- ähnliche Folie der Dresdner Firma Heliatek soll wie bei einer ganz normalen Photovoltaikanlage Strom erzeugt werden. Heliatek stellt biegbare und leichte organische Folien her. Sie werden mit Klebstoff auf die Dächer oder Fassaden aller möglichen Gebäude geklebt. So hat jedes Gebäude quasi sein eigenes Kraftwerk. Auch Straßen könnten, erläutert Butters, vielleicht irgendwann damit gepflastert sein. „In Deutschland wird das derzeit an drei Standorten getestet. In Donauwörth befindet sich die größte Folie“, sagt Butters. Die Anlage an der Mühle soll dieser Tage ans Netz gehen.

Ingo Butters im Radiointerview:

 

Nicht ohne Grund sind solche Projekte wichtig: Schon in wenigen Jahren soll das letzte Atomkraftwerk in Deutschland abgeschaltet werden, obwohl derzeit noch rund elf Prozent des in Deutschland verbrauchten Stroms aus Atomkraft gewonnen wird. Nun ergibt sich aber die Widersprüchlichkeit, dass der in Deutschland dann fehlende Strom verstärkt aus dem europäischen Stromnetz bezogen wird – und dass das dann Atomstrom sein könnte. Absolut nötig sei es daher, so Butters von der LEW, mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu gewinnen. Ein Anliegen, das sich aber europaweit als mithin schwer umsetzbar erweist. Länder wie Frankreich setzen bislang stark auf Atomkraft.

Der Landkreis Donau-Ries ist  hingegen mit einem Anteil von 70 Prozent erneuerbaren Energien aus Biomasse, Photovoltaik und Wasserkraft in Deutschland ein Vorreiter. Zum Vergleich: Für ganz Deutschland gilt das Ziel, dass 2050 gut 80 Prozent des Stroms aus Erneuerbaren gespeist wird. Im Kreis macht man indessen weiter Fortschritte: Erstmals wurde 2009 Strom aus der Region exportiert, mittlerweile sei das an jedem zweiten Tag der Fall, sagt Butters. Der Energiesektor soll beides sein: regional und europäisch. Möglichst viel solle, wie der LEW-Mann erklärt, vor Ort über möglichst viele erneuerbare Energieträger erzeugt werden.

Dennoch bräuchten vor allem die Industrie und die Ballungsräume Versorgungssicherheit. Und hier seien die gesamteuropäischen Netze mit den Anbindungen an die großen Kraftwerke weiterhin unverzichtbar. Dass man aber in der Region im Notfall auch unabhängig von den großen Übertragungsnetzen „überleben“ soll, zeigte jüngst das Pilotprojekt „Linda“ in Niederschönefeld, Feldheim und Teilen von Rain. Die Orte wurden zeitweise komplett von den großen Netzen getrennt und nur durch die lokalen Photovoltaik-, Biogas und Wasserkraftanlagen versorgt. Mit Erfolg. Es kamen Experten aus ganz Europa. Auch hier sind Erkenntnisse aus der Region von gesamteuropäischem Interesse. Man lerne und profitiere voneinander. Nicht nur für Butters erweist sich hier die europäische Zusammenarbeit als Vorteil. (dz)

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