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Der Weg zur Selbstbestimmung

8. März 2021

Stefanie Rösele ist 24 Jahre alt und kommt aus Erding. Seit Dezember 2019 arbeitet sie im Erdinger Frauenhaus. Im Gespräch mit der SZ erzählt die Sozialpädagogin von ihrer Arbeit mit Frauen, die durch gewalt- und leidvolle Partnerschaften ihre Stimme verloren haben.

SZ: Frau Rösele, dürfen Frauen entscheiden, in welches Frauenhaus sie ziehen?

Stefanie Rösele: Ja, das ist uns sehr wichtig. Viele betroffene Frauen informieren sich erst einmal und nehmen Kontakt zu mehreren Frauenhäusern auf. Es ist ja auch so: Wir im Landkreis Erding sind eher ländlich gelegen, wenn eine Frau nun aus einer Großstadt kommt, ist dieser Schritt raus aufs Land oft schwer – das können sich einige einfach nicht vorstellen. Sie gehen dann lieber zum Beispiel in das Frauenhaus nach München. Für andere Frauen ist ein Wechsel von der Großstadt in eine ländliche Gegend aber auch genau das Richtige, das kommt ganz auf den Fall an.

Was passiert, wenn alle Plätze belegt sind – werden Frauen, die bei Ihnen anfragen, dann einfachweiter geschickt?

Bei uns in Erding gibt es Platz für fünf Frauen und sieben Kinder. Sollten wir einmal keinen Platz mehr frei haben und es meldet sich dann aber eine Frau bei uns, dann vermitteln wir sie selbstverständlich weiter an andere Frauenhäuser. Niemand wird einfach weggeschickt.

Wie sieht ein Tag im Frauenhaus aus?

Das ist sehr individuell, die Frauen leben selbständig. Es ist also nicht so, dass wir sagen „um Punkt acht Uhr gibt es Frühstück“ oder etwas ähnliches. Jede Frau lebt nach ihrem Rhythmus und gestaltet ihren Alltag eigenständig. Viele Frauen haben noch beispielsweise Termine bei Behörden, wie zum Beispiel dem Jugendamt, dem Jobcenter oder anderen Beratungsstellen. Manche Frauen arbeiten tagsüber. Von uns gibt es eben verschiedene Freizeitangebote für die Frauen, vor allem auch für deren Kinder. Wir führen aber auch Beratungsgespräche oder begleiten die Frauen zu ihren Terminen.

Wie lange darf man im Frauenhaus bleiben?

Da gibt’s keine Begrenzung. In der Förderrichtlinie des Gesetzgebers stehen zehn Wochen als Regeldauer für einen Aufenthalt, aber in der Praxis lässt sich daran nicht festhalten. Manche Frauen gehen leider schon nach ein oder zwei Wochen zurück zum gewalttätigen Ex-Partner. Manche Frauen bleiben länger. Generell liegt das unter anderem daran, dass es gar nicht so einfach ist, eine eigene Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden.

Wie helfen Sie den Frauen sich wieder selbst zu finden und eine eigene Meinung zu bekommen?

Die Frauen, die zu uns kommen, haben den Zugang zu sich selbst und ihren Bedürfnissen verloren. Wir versuchen nun, sie auf ihre Stärken aufmerksam zu machen. Das machen wir durch verschiedene Gruppenangebote, zum Beispiel unseren gemeinsamen Frauenabend. Das Ziel bei jedem dieser Angebote ist natürlich, das Selbstwertgefühl zu stärken. Die Frau soll wieder Mut und Kraft bekommen, sodass sie ihr Leben eigenständig bestreiten kann.

Dürfen auch andere Leute ins Frauenhaus kommen, wie zum Beispiel Freunde der dort lebenden Frauen?

Nein, das geht leider nicht, weil unser Frauenhaus eine anonyme Adresse hat. Wenn jeder wüsste, wo das Frauenhaus ist, dann ist es auch leichter für die gewalttätigen Ex-Partner, die Frauen aufzufinden. Damit so etwas nicht passiert, soll unsere Adresse so unbekannt bleiben wie es nur geht. Wir müssen den Schutzaspekt unserer Arbeit unter allen Umständen aufrechterhalten. Die Frauen können sich aber natürlich außerhalb unseres Hauses mit ihren Freunden treffen.
Interview: Valentina Jovanovic, Romina Niyazi und Lisa Prause

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