Archiv der Kategorie: Audio

Schwerpunkt – Verhältnismäßigkeit

Angela Merkel betont immer wieder, dass die von der Bundesregierung ergriffenen Maßnahmen notwendig sind. Gleichzeitig ist der Virus und die damit verbundenen Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte, eine aus ihrer Sicht  „demokratische Zumutung“. Was bedeutet das Prinzip der Verhältnismäßigkeit? Wir wollen ein Gespür dafür entwickeln, und betrachten ihn  aus unterschiedlicher Lebenspraxis. Welche Konsequenzen sind in der Kindeserziehung sinnvoll, ab wann eine Strafmaßnahme überzogen? Welcher Diskurs ist in der Medienwelt noch hinnehmbar, wann endet eine konstruktive Streitkultur? Und wieviel müssen wir für den Naturschutz aufgeben?

Ab dem 27.09. haben sich Jungredakteur*innen aus Verhältnismäßigkeit das Schwerpunktthema journalistisch erarbeitet. Die Themenseite wurde am 01.10 im Main-Echo veröffentlicht. Ein Radiomagazin wurde im Rundfunk in Kooperation mit der EFA mehrfach ausgestrahlt. Für den 01.10. produzierten sie eine Life-Talkshow.

 

Hier geht es per Mausklick zu den Langfassungen der Interviews:

https://www.main-echo.de/regional/kreis-miltenberg/miltenberger-realschueler-interviewen-vier-experten-eine-woche-unterwegs-als-main-echo-reporter-art-7387687

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Impressum – Verhältnismäßigkeit

Diese Themenseite, ein Radiomagazin der Evangelischen Funkagentur (gesendet auf Radio Galaxy und auf Charivari) und eine Szenische Talkshow sind das Ergebnis des
Projekts „Volo“. Jugendliche der Realschule Johannes-Hartung  haben sich eine Woche lang mit dem Thema „Verhältnismäßigkeit“ beschäftigt.

Die Main-Echo-Seite entstand unter der Leitung von Julie Hofmann. Die Life-Talkshow leitete Jean-Francois Drozak. Die Radiogruppe leitete Roland Rosenbauer. Die Jungredakteur*innen sind aus der 8. Klassenstufe.

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Stupser in die richtige Richtung

Christina Huhn: Obernburger Richterin erklärt Jugendstrafen

Wie entscheiden Gerichte, welche Strafe verhältnismäßig ist?

Im Strafrecht hat der Gesetzgeber für jeden Straftatbestand einen Strafrahmen normiert. Das heißt, es gibt eine Mindeststrafe und es gibt eine Höchststrafe. In diesem Rahmen muss man eine angemessene Strafe finden und Strafzumessungsaspekte abwägen. Zum Beispiel: War der Angeklagte geständig? Wie hoch ist der Schaden?

Finden Sie es gut, dass Kinder und Erwachsene unterschiedlich geahndet werden?

Ich finde es schon richtig, dass der Gesetzgeber das so normiert hat. Bei Jugendlichen steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Das Gericht versucht, sie durch erzieherische Maßnahmen auf die richtige Bahn zu lenken. Sie brauchen manchmal noch den Stupser in die richtige Richtung.

Wie unterscheiden sich Jugend und Erwachsenenstrafen?

Im allgemeinen Strafrecht gibt es Geld- und Freiheitsstrafen. Bei Geldstrafen richtet sich die Anzahl der Tagessätze nach der Schuld. Die Tagessatzhöhe richtet sich nach dem Einkommen. Freiheitsstrafen beginnen ab einem Monat und können mehrere Jahre betragen. Im Jugendstrafrecht gibt es andere Möglichkeiten wie gemeinnützige Arbeitsstunden, Geldauflagen, Dauer-, Freizeitarreste oder Jugendstrafen. Ein Freizeitarrest bedeutet, dass der Jugendliche ein Wochenende in einer Jugendarrestanstalt verbringt. Beim Dauerarrest verbringt er bis zu vier Wochen dort.

 

Zur Person: Christina Huhn

hristina Huhn aus Frankfurt ist seit vier Monaten Familienrichterin am Amtsgericht in Obernburg. Zu den Aufgaben der 31-Jährigen zählt es zum Beispiel, Scheidungen auszusprechen und Entscheidungen über Unterhaltsansprüche zu treffen. Huhn war zuvor aber auch drei Jahre lang als Staatsanwältin in Aschaffenburg tätig.

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Karibik oder Kartoffel

Florian Neuberger: Landwirt aus Bürgstadt äußert sich zu Billigfleisch

Was ist ein starkes Argument, dass ich bei Ihnen einkaufe und nicht im Supermarkt?

Das Tier ist bei uns geboren worden, es wächst bei uns auf und wird am Hof geschlachtet. Weder Zukauf noch Transport finden statt.

Warum sollten Verbraucher kein Billigfleisch im Supermarkt kaufen?

Die ganz billige Ware kommt aus Betrieben, die mitunter nicht in Deutschland sind. Sprich, dass man lange Transportwege hat – sowohl für das lebende Tier als auch für das Fleisch. Wenn ich mehr für Fleisch verlangen kann, hab ich finanzielle Mittel übrig, um dem Tierschutz noch gerechter zu werden: mehr Platz, mehr Stroh. Das bestimmt der Verbraucher letztlich an der Ladentheke.

Ist das Fleisch von Ihrem Hof auch für Geringverdiener erschwinglich?

Für jemanden, der staatliche Unterstützung hat – sei es Hartz IV oder Arbeitslosengeld – wird es für den täglichen Bedarf zu teuer sein. Ansonsten muss ich entscheiden: Kaufe ich mir anständige Lebensmittel zu einem gerechtfertigten Preis, so dass der Landwirt überleben kann und die Natur etwas davon hat, oder stecke ich mein ganzes Geld in Freizeit und Unterhaltungsmedien. Also: Karibik oder Kartoffel.


Zur Person: Florian Neuberger

Florian Neuberger (34) ist Landwirtschaftsmeister aus Bürgstadt. Der Betrieb Erftal Rind wird seit 1969 von der Familie Neuberger geführt. Der Schwerpunkt liegt auf der Mutterkuhhaltung und Fleischerzeugung mit bis zu 600 Rindern. Hinzu kommt die eigene Schlachtung und Vermarktung. Der überwiegende Teil des Fleisches wird direkt am Hof verkauft, ein Teil geht an Metzgereien in der Umgebung.

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Jugendkultur sucht ihren Freiraum

Birgit Englert: Fachkraft für Suchtprävention über Behandlungsmöglichkeiten

Woran kann man eine Sucht erkennen?

Es gibt laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sechs Merkmale. Dazu zählt zum Beispiel die Toleranzentwicklung. Das bedeutet, dass man immer mehr von der gleichen Sache macht. Anfangs spielt man eine halbe Stunde Computer und hat dann den »Kick«, irgendwann benötigt man 15 Stunden. Ein weiteres Merkmal sind körperliche Entzugserscheinungen wie etwa Unruhe und Nervosität.

Wie kann eine Sucht behandelt werden?

Erstmal muss derjenige, der süchtig ist, das wollen. Bei einer Sucht kann man körperlich und psychisch süchtig sein. Meist ist die körperliche Abhängigkeit einfacher zu behandeln. Beim Alkohol macht man einen Entzug. Die psychische Abhängigkeit ist aber viel schwieriger zu überwinden. Man denke an den Raucher: Das Nikotin ist schnell aus dem Körper raus, aber wie lange machen sie rum, bis sie nicht mehr rauchen? Da werden meist viele Versuche unternommen, mit dem Rauchen aufzuhören.

Glauben Sie, dass die Mediensucht bei Jugendlichen in der Zukunft noch größer werden könnte?

Ich denke, das Interesse daran wird weiter steigen. Für die Jugendlichen gibt es nur noch von den Eltern verplante Freizeit. Aber jede Jugendkultur sucht ihren Freiraum. Das Internet ist meiner Meinung nach tatsächlich der einzige Freiraum ohne Einmischung durch Erwachsene.

 

Zur Person: Birgit Englert Birgit Englert aus Glattbach (Kreis Aschaffenburg) ist Sozialpädagogin und arbeitet im Landratsamt Miltenberg als Fachkraft für Suchtprävention. Die 51-Jährige macht unter anderem Schulungen für Schulklassen, Pädagogen und Kindergärtner sowie Öffentlichkeitsarbeit.

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So viele Beschwerden wie noch nie

Jens Marco Scherf: Miltenberger Landrat spricht über Corona-Zeit

Gab es viele Beschwerden in der Corona-Zeit?

Ja, sehr viele, so viele wie noch nie zu einem Thema.

Was haben Menschen als besonders unverhältnismäßig gefunden?

Die Schließung von Geschäften. Da war das große Problem, dass wir an der Ländergrenze leben. Was da als unverhältnismäßig empfunden wurde: Warum ist etwas in Hessen erlaubt und bei uns nicht? Was Bürger vor einem Jahr ebenfalls enorm aufgeregt hat, war das Tragen von Masken. Dazu habe ich im vergangenen Herbst unheimlich viele Nachfragen bekommen.

Haben Sie eine Corona-Maßnahme, die Sie umsetzen mussten, als nicht angemessen empfunden?

Da gibt es einige (lacht). Was mich im Frühjahr 2021 sehr belastet hat, war, wie lange es gedauert hat, bis sich Kinder und Jugendliche in den Vereinen und in der Freizeit wieder treffen durften. Ich hätte mir auch gewünscht, dass kritisch hinterfragt wird, ob eine Schulschließung über so viele Monate wirklich sinnvoll ist. Das ist dann das Dilemma: Es sind landesweite Regelungen und die muss man am Ende als staatliche Behörde korrekt umsetzen.

 

Zur Person: Jens Marco Scherf
Jens Marco Scherf (Grüne) ist seit 2014 Landrat im Kreis Miltenberg. Der 47-Jährige hat zuvor als Haupt- und Mittelschullehrer gearbeitet. Das Landratsamt ist auch eine staatliche Behörde. »Wir setzen um, was in Berlin und vor allem in München entschieden wird«, so Scherf. Er sagt von sich, er sei Landrat geworden, um Verantwortung zu übernehmen: »Ich wollte nicht nur zuschauen, sondern Dinge verändern.«

 

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Ehrenamt machts möglich

Die 47-jährige Britta Jörgens hat sich nicht nur dazu entschieden, als Architektin zu arbeiten, sondern auch, sich ehrenamtlich für geflüchtete Menschen zu engagieren. Sowohl in ihrem Hauptberuf als auch in ihrem Ehrenamt ist die Baldhamerin permanent mit Themen rund um Selbst- und Mitbestimmung konfrontiert.

Wie genau das aussieht, erzählt sie im SZ-Gespräch.

SZ: Frau Jörgens, dürfen Sie selbst entscheiden, welche Aufträge Sie übernehmen?

Britta Jörgens:Momentanarbeite ich zweigeteilt: Auf der einen Seite bin ich halbtags angestellt in einer Firma. Da entscheidet natürlich der Chef, welche Aufträge gemacht werden. Den zweiten Teil arbeite ich freiberuflich und dementsprechend ist dann sozusagen alles meine Entscheidung – dort bin ich meine eigene Chefin.

Sie können also zum Teil über Aufträge entscheiden. Wie sieht es mit der Entscheidungsfähigkeit des Auftraggebers aus: Inwiefern kann er darüber bestimmen, wie das Gebäude am Ende aussehen soll?

Es bleibt immer das Bauvorhaben des Auftraggebers. Mein Job ist es, ihm zu helfen, dass es so wird, wie er das möchte. Diese Vorstellungen muss ich mit bestimmten Einschränkungen umsetzen, beispielsweise im vorgegebenen Kostenrahmen oder in Bezug auf Brandschutzverordnungen.

Neben Ihrem Hauptberuf als Architektin haben Sie sich entschieden, auch ehrenamtlich zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Ach, das ist schon lange her und war eigentlich Zufall: Vor vielen Jahren hatte ich mit einem meiner Kinder an einem Babyschwimmkurs teilgenommen. Die Kursleitung konnte ihn dann aber leider nicht mehr weiter führen – also habe ich das kurzerhand übernommen. Andernfalls hätte es gar keinen Kurs mehr gegeben, das wäre sehr Schade gewesen. So bin ich dann ehrenamtliche Übungsleiterin beim TSV Vaterstetten geworden.

Mittlerweile engagieren Sie sich ehrenamtlich auch intensiv für Flüchtlinge. Warum machen Sie das nicht hauptberuflich?

Ich liebe meinen Beruf als Architektin einfach und deshalb ist es mir auch wichtig, dass das mein Haupt-Themenfeld bleibt. Die Arbeit mit Flüchtlingen habe ich ja nicht richtig gelernt, da habe ich keine Ausbildung. Deswegen kam es mir auch nie in den Sinn, das hauptberuflich zu machen. Ich möchte frei in meiner Entscheidung sein, wie viel und wie intensiv ich helfe.

Dürfen die Flüchtlinge selbst über ihren Ausbildungsplatz entscheiden?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die Politik kategorisiert Flüchtlinge nach ihren Herkunftsländern. Es gibt sogenannte unsichere und sichere Länder, ein sicheres wäre zum Beispiel der Senegal. Menschen, die aus diesem Land kommen, müssten Deutschland eigentlich wieder verlassen und in den Senegal zurück, aber die Abschiebungen werden aus politischen Gründen derzeit nicht durchgeführt. Sie bleiben also erst einmal hier. Hier aber wird ihnen das Leben schon recht schwer gemacht, sie dürfen beispielsweise in der Regel nicht arbeiten. Nur mit großem Aufwand und viel Glück ist das möglich. Wenn es ihnen aber erlaubt wird, dann dürfen sie auch frei über den Beruf entscheiden.

Kommen wir noch einmal auf Ihre Arbeit als Architektin zu sprechen: Sind Ihre Erwartungen, die Sie vor Ihrem Studium an den Beruf hatten, erfüllt worden?

Man stellt sich oft vor, ein großer Star-Architekt zu werden. Auch ich habe mir das einmal gewünscht. Das wurde zwar nicht erfüllt, aber ehrlich gesagt möchte ich das heute auch gar nicht mehr. Ich habe schon viele verschiedene Sachen gemacht und ich finde es deutlich spannender, nicht so Ruhm einbringende, aber kompliziertere Aufträge anzunehmen und umzusetzen.

Interview: Alexandra Moldovan, Robin Heininger und Maxime Schächinger

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Eine helfende Hand


Vaterstetten/Moosach
– 49 Jahre im Gefängnis. Das ist eine ziemlich lange Zeit. Einen Mann, der in seiner Jugendzeit fünf Menschen tötete, ereilte ein solches Strafmaß. Nach beinahe einem halben Jahrhundert hinter Gittern kam er frei, zunächst auf Bewährung und nur unter der Auflage, in eine betreute Einrichtung zu ziehen – in die Wohngemeinschaft von Norbert Trischler und seiner Frau Ingrid nach Moosach im Landkreis Ebersberg. Dort lebt das Ehepaar mit 17 Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern.

Alle sind sie ehemalige Strafgefangene. Ein eher ungewöhnliches Wohnkonzept. Doch wie kam es dazu? Norbert Trischler ist Pastoralreferent. Seit eineinhalb Jahren betreut er seelsorgerisch obdachlose Menschen. Davor kümmerte er sich 29 Jahre um Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München. Seit 1995 lebt der 64-Jährige mit seiner Frau in einer WG in Moosach mit Ex-Häftlingen zusammen. Die WG ist angedockt

an den 1993 gegründeten Verein Tabor, der sich der Unterstützung Strafentlassener und anderweitig sozial belasteter Menschen verschrieben hat.

„Die eigentliche Problematik fängt für viele erst nach der Entlassung aus dem Gefängnis an“, erklärt Norbert Trischler. Kein Job. Kein Geld. Keine Wohnung. Oft kaum oder gar keine Freunde. Keine Orientierung, wie die Welt „da draußen“ überhaupt funktioniert. „Da brauchen die Betroffenen jemanden, der ihnen die Hand reicht!“

Ansonsten sei der Weg zurück in die kriminelle Szene ein sehr kurzer – die Rückfallquote belaufe sich auf 60 bis

70 Prozent, so Trischler. Und der 64-Jährige weiß, wovon er spricht: In den 29 Jahren, in denen er als Seelsorger in Stadelheim gearbeitet hat, sind ihm viele Menschen begegnet, Menschen mit vielen Problemen. „Jeder brachte

seinen Lebensrucksack mit zu seinem Gespräch mit mir“, erzählt Trischler. Es seien harte Lebensgeschichten, die aus den Rucksäcken gepackt wurden: schlimmer Missbrauch, langjährige Misshandlungen, eine lieblose Kindheit, keine erlebte Geborgenheit. „Wenn ich mir das alles zu eigen gemacht hätte, dann wäre ich nach spätestens zwei Wochen zusammengebrochen“, so Trischler weiter.

Und so fasste er einen Entschluss, ganz im Sinne seiner Selbstbestimmung: ImGespräch wurden die Probleme besprochen, manche konnte man vielleicht sogar gemeinsam lösen – aber nach dem Gespräch muss der Strafgefangene die übrigen Probleme wieder aufklauben, in seinen Rucksack verpacken und mitnehmen. „Jeder

Muss sein Leben auch selbst zu verantworten lernen,“ sagt er. „Ansonsten ist geteiltes Leid einfach nur doppeltes Leid.“

Anstatt die Probleme der Gefangenen zu nah an sich heran zu lassen, fand der 64-Jährige bessere Wege, ihnen zu helfen. So nahm er regelmäßig Zeitungen und Zeitschriften aus den vergangenen Tagen und Wochen mit ins Gefängnis – es war seine Initiative. Die Häftlinge hatten so nicht nur die Möglichkeit, sich die viele Zeit in der Zelle zu vertreiben, sondern Trischler gab ihnen dadurch einen Draht zur Außenwelt, zu dem, was dort geschah, über was die Menschen sprachen. Zeitung lesen reicht aber nicht aus, um nach einer Haftstrafe in ein geregeltes Leben zu finden. Um etwas zu schaffen, das noch stärker einen positiven Effekt auf die Ex-Gefangenen hat, hat das Ehepaar Trischler 1993 den Verein Tabor gegründet – übrigens kennen sich Norbert und Ingrid

Trischler aus dem Gefängnis in Stadelheim. Aber nicht, weil einer von ihnen dort einsaß: Während Norbert Trischler dort hauptberuflich arbeitete, engagierte sich seine Frau ehrenamtlich, irgendwann leiteten

sie gemeinsam eine Gesprächsgruppe. In der Wohngemeinschaft können sich die ehemaligen Strafgefangenen frei bewegen, sie entscheiden selbst, wann sie den Tag beginnen und beenden – wie in jeder anderen WG eben auch. Manche kommen aus freien Stücken, für andere ist der WG Einzug eine ihrer Bewährungsauflagen, so wie bei dem Mann, der nach 49 Jahren Haft in das Moosacher Tabor-Haus kam.

Hausregeln gibt es aber auch dort, wie Trischler sagt, und zu denen zählt ein striktes Verbot von Alkohol, illegalen Drogen und Gewalt. Außerdem ist ein Abend in jeder Woche der Gemeinschaft vorbehalten, dort werden Probleme diskutiert und Pläne für den Haushalt erstellt.

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Der Weg zur Selbstbestimmung

Stefanie Rösele ist 24 Jahre alt und kommt aus Erding. Seit Dezember 2019 arbeitet sie im Erdinger Frauenhaus. Im Gespräch mit der SZ erzählt die Sozialpädagogin von ihrer Arbeit mit Frauen, die durch gewalt- und leidvolle Partnerschaften ihre Stimme verloren haben.

SZ: Frau Rösele, dürfen Frauen entscheiden, in welches Frauenhaus sie ziehen?

Stefanie Rösele: Ja, das ist uns sehr wichtig. Viele betroffene Frauen informieren sich erst einmal und nehmen Kontakt zu mehreren Frauenhäusern auf. Es ist ja auch so: Wir im Landkreis Erding sind eher ländlich gelegen, wenn eine Frau nun aus einer Großstadt kommt, ist dieser Schritt raus aufs Land oft schwer – das können sich einige einfach nicht vorstellen. Sie gehen dann lieber zum Beispiel in das Frauenhaus nach München. Für andere Frauen ist ein Wechsel von der Großstadt in eine ländliche Gegend aber auch genau das Richtige, das kommt ganz auf den Fall an.

Was passiert, wenn alle Plätze belegt sind – werden Frauen, die bei Ihnen anfragen, dann einfachweiter geschickt?

Bei uns in Erding gibt es Platz für fünf Frauen und sieben Kinder. Sollten wir einmal keinen Platz mehr frei haben und es meldet sich dann aber eine Frau bei uns, dann vermitteln wir sie selbstverständlich weiter an andere Frauenhäuser. Niemand wird einfach weggeschickt.

Wie sieht ein Tag im Frauenhaus aus?

Das ist sehr individuell, die Frauen leben selbständig. Es ist also nicht so, dass wir sagen „um Punkt acht Uhr gibt es Frühstück“ oder etwas ähnliches. Jede Frau lebt nach ihrem Rhythmus und gestaltet ihren Alltag eigenständig. Viele Frauen haben noch beispielsweise Termine bei Behörden, wie zum Beispiel dem Jugendamt, dem Jobcenter oder anderen Beratungsstellen. Manche Frauen arbeiten tagsüber. Von uns gibt es eben verschiedene Freizeitangebote für die Frauen, vor allem auch für deren Kinder. Wir führen aber auch Beratungsgespräche oder begleiten die Frauen zu ihren Terminen.

Wie lange darf man im Frauenhaus bleiben?

Da gibt’s keine Begrenzung. In der Förderrichtlinie des Gesetzgebers stehen zehn Wochen als Regeldauer für einen Aufenthalt, aber in der Praxis lässt sich daran nicht festhalten. Manche Frauen gehen leider schon nach ein oder zwei Wochen zurück zum gewalttätigen Ex-Partner. Manche Frauen bleiben länger. Generell liegt das unter anderem daran, dass es gar nicht so einfach ist, eine eigene Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden.

Wie helfen Sie den Frauen sich wieder selbst zu finden und eine eigene Meinung zu bekommen?

Die Frauen, die zu uns kommen, haben den Zugang zu sich selbst und ihren Bedürfnissen verloren. Wir versuchen nun, sie auf ihre Stärken aufmerksam zu machen. Das machen wir durch verschiedene Gruppenangebote, zum Beispiel unseren gemeinsamen Frauenabend. Das Ziel bei jedem dieser Angebote ist natürlich, das Selbstwertgefühl zu stärken. Die Frau soll wieder Mut und Kraft bekommen, sodass sie ihr Leben eigenständig bestreiten kann.

Dürfen auch andere Leute ins Frauenhaus kommen, wie zum Beispiel Freunde der dort lebenden Frauen?

Nein, das geht leider nicht, weil unser Frauenhaus eine anonyme Adresse hat. Wenn jeder wüsste, wo das Frauenhaus ist, dann ist es auch leichter für die gewalttätigen Ex-Partner, die Frauen aufzufinden. Damit so etwas nicht passiert, soll unsere Adresse so unbekannt bleiben wie es nur geht. Wir müssen den Schutzaspekt unserer Arbeit unter allen Umständen aufrechterhalten. Die Frauen können sich aber natürlich außerhalb unseres Hauses mit ihren Freunden treffen.
Interview: Valentina Jovanovic, Romina Niyazi und Lisa Prause

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Schwerpunkt Extrem in Selb

Was hält uns davon ab, einen außergewöhnlichen Lebensstil zu führen? Aus welcher Perspektive wirkt etwas EXTREM, und ist es mehr als eine subjektive Wahrnehmung? Ab wann wird EXTREMES gefährdend und wie wirkt es sich auf das soziale Umfeld aus? Was bleibt zurück, wenn es der Mittelmäßigkeit weicht? Ist es erstrebenswert, sich aus der Masse abzuheben? Und wie alles begann!

Ab dem 25.03. haben sich 24 Jungredakteur*innen aus der großen Kreisstadt Selb das Schwerpunktthema EXTREM journalistisch erarbeitet. Die Themenseite wurde am 29.03. in der Frankenpost veröffentlicht. Ein Radiomagazin wurde im Rundfunk in Kooperation mit der EFA mehrfach ausgestrahlt. Für den 28.3. und 29.3. produzierten sie eine Life-Talkshow in Kooperation mit der Stadt und dem Landkreis Wunsiedel im Rosenthal-Theater.

Jugendliche aus Selb haben in Selb Passant*innen befragt, was sie unter EXTREM verstehen:

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