Jahresarchive: 2021

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Schwerpunkt – Mitbestimmung in Extremen


Alle 5 Jahre wählen bayerische Bürger*innen den Landtag. Doch wie sieht es mit der demokratischen Mitbestimmung in Alltag aus? Wir suchen nach Antworten an Orten, in der Mitbestimmung für kurz oder lang eingegrenzt werden. Wieviel Mitbestimmung hat ein Bürger im Rettungswagen? Dürfen Gefängnisinsassen wählen, und wie sieht es mit der Mitbestimmung innerhalb eines Gefängnisses aus? Wie muss ein Wohnheim architektonisch gestaltet sein, damit der Diskurs zwischen den Bewohner*innen angeregt wird? Und kann man verlernen seine Meinung zu äußern?

Ab dem 08.03. haben sich Jungredakteur*innen aus Vaterstetten das Schwerpunktthema journalistisch erarbeitet. Die Themenseite wurde am 12.03 in der Süddeutschen Zeitung  veröffentlicht. Ein Radiomagazin wurde im Rundfunk in Kooperation mit der EFA mehrfach ausgestrahlt. Für den 12.03.  produzierten sie eine Life-Talkshow mit .

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Schwerpunkt Mitbestimmung – Impressum

Diese Themenseite, ein Radiomagazin der Evangelischen Funkagentur (gesendet auf Radio Lola und auf Charivari) und eine Szenische Talkshow  sind das Ergebnis des
Projekts „Volo“. Jugendliche der Mittelschule Vaterstetten haben sich eine Woche lang mit dem Thema „Mitbestimmung in Extremen“ beschäftigt.

Die SZ-Seite entstand unter der Leitung von Johanna Feckl.  Die Life-Talkshow  leitete
Jean-Francois Drozak.  Die Radiogruppe leitete Roland Rosenbauer. Die Jungredakteur*innen sind aus der Klasse 10 M

 

 

 

Projektträger: Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit.

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Ehrenamt machts möglich

Die 47-jährige Britta Jörgens hat sich nicht nur dazu entschieden, als Architektin zu arbeiten, sondern auch, sich ehrenamtlich für geflüchtete Menschen zu engagieren. Sowohl in ihrem Hauptberuf als auch in ihrem Ehrenamt ist die Baldhamerin permanent mit Themen rund um Selbst- und Mitbestimmung konfrontiert.

Wie genau das aussieht, erzählt sie im SZ-Gespräch.

SZ: Frau Jörgens, dürfen Sie selbst entscheiden, welche Aufträge Sie übernehmen?

Britta Jörgens:Momentanarbeite ich zweigeteilt: Auf der einen Seite bin ich halbtags angestellt in einer Firma. Da entscheidet natürlich der Chef, welche Aufträge gemacht werden. Den zweiten Teil arbeite ich freiberuflich und dementsprechend ist dann sozusagen alles meine Entscheidung – dort bin ich meine eigene Chefin.

Sie können also zum Teil über Aufträge entscheiden. Wie sieht es mit der Entscheidungsfähigkeit des Auftraggebers aus: Inwiefern kann er darüber bestimmen, wie das Gebäude am Ende aussehen soll?

Es bleibt immer das Bauvorhaben des Auftraggebers. Mein Job ist es, ihm zu helfen, dass es so wird, wie er das möchte. Diese Vorstellungen muss ich mit bestimmten Einschränkungen umsetzen, beispielsweise im vorgegebenen Kostenrahmen oder in Bezug auf Brandschutzverordnungen.

Neben Ihrem Hauptberuf als Architektin haben Sie sich entschieden, auch ehrenamtlich zu arbeiten. Wie kam es dazu?

Ach, das ist schon lange her und war eigentlich Zufall: Vor vielen Jahren hatte ich mit einem meiner Kinder an einem Babyschwimmkurs teilgenommen. Die Kursleitung konnte ihn dann aber leider nicht mehr weiter führen – also habe ich das kurzerhand übernommen. Andernfalls hätte es gar keinen Kurs mehr gegeben, das wäre sehr Schade gewesen. So bin ich dann ehrenamtliche Übungsleiterin beim TSV Vaterstetten geworden.

Mittlerweile engagieren Sie sich ehrenamtlich auch intensiv für Flüchtlinge. Warum machen Sie das nicht hauptberuflich?

Ich liebe meinen Beruf als Architektin einfach und deshalb ist es mir auch wichtig, dass das mein Haupt-Themenfeld bleibt. Die Arbeit mit Flüchtlingen habe ich ja nicht richtig gelernt, da habe ich keine Ausbildung. Deswegen kam es mir auch nie in den Sinn, das hauptberuflich zu machen. Ich möchte frei in meiner Entscheidung sein, wie viel und wie intensiv ich helfe.

Dürfen die Flüchtlinge selbst über ihren Ausbildungsplatz entscheiden?

Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Die Politik kategorisiert Flüchtlinge nach ihren Herkunftsländern. Es gibt sogenannte unsichere und sichere Länder, ein sicheres wäre zum Beispiel der Senegal. Menschen, die aus diesem Land kommen, müssten Deutschland eigentlich wieder verlassen und in den Senegal zurück, aber die Abschiebungen werden aus politischen Gründen derzeit nicht durchgeführt. Sie bleiben also erst einmal hier. Hier aber wird ihnen das Leben schon recht schwer gemacht, sie dürfen beispielsweise in der Regel nicht arbeiten. Nur mit großem Aufwand und viel Glück ist das möglich. Wenn es ihnen aber erlaubt wird, dann dürfen sie auch frei über den Beruf entscheiden.

Kommen wir noch einmal auf Ihre Arbeit als Architektin zu sprechen: Sind Ihre Erwartungen, die Sie vor Ihrem Studium an den Beruf hatten, erfüllt worden?

Man stellt sich oft vor, ein großer Star-Architekt zu werden. Auch ich habe mir das einmal gewünscht. Das wurde zwar nicht erfüllt, aber ehrlich gesagt möchte ich das heute auch gar nicht mehr. Ich habe schon viele verschiedene Sachen gemacht und ich finde es deutlich spannender, nicht so Ruhm einbringende, aber kompliziertere Aufträge anzunehmen und umzusetzen.

Interview: Alexandra Moldovan, Robin Heininger und Maxime Schächinger

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Der Tausendsassa


Vaterstetten/Poing
– Mitbestimmung ist ein ständiger Begleiter im Leben von Omid Atai aus Poing. Ganz egal, ob es sich um das Studium der Rechtswissenschaften des 28-Jährigen an der Uni Augsburg handelt, seine ehrenamtliche Arbeit bei der Poinger Feuerwehr, seine Mitgliedschaft im Vorstand der Vaterstettener Volkshochschule, sein Gemeinderatsmandat in Poing oder seine Tätigkeit im Ebersberger Kreistag, oder seinem aktuellen Hauptberuf als Rettungssanitäter beim Kreisverband Ebersberg des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK): Teamgeist, Beteiligung, und vor allem Respekt vor Mehrheitsentscheidungen sind überall wichtige Punkte.

Atai war 18 Jahre alt, als er angefangen hat, ehrenamtlich im Rettungsdienst zu arbeiten. Immer wieder gab es Phasen in den vergangenen zehn Jahren, in denen er diese Arbeit auch hauptberuflich machte, so wie es aktuell der Fall ist.Im Verhältnis zwischen Patient und Rettungsdienstler ist Mitsprache ein großes Gut, wie Atai sagt. „Wir entscheiden nie über den Kopf des Patienten hinweg.“ Ausnahmen von dieser Regel gebe es nur dann, wenn der Patient aufgrund seines schlechten gesundheitlichen Zustands keine Entscheidungen mehr treffen kann, weil er zum Beispiel bewusstlos ist. Eine andere Ausnahme wäre, so der 28-Jährige weiter, wenn der Patient auch im Vorfeld keine Äußerungen zu Behandlungsmöglichkeiten abgegeben hat, also keine Patientenverfügung vorhanden ist. In solchen Fällen spielt dann Teamgeist eine große Rolle, wie Atai sagt. Die Gruppe entscheidet, was aus medizinischer Sicht das beste Behandlungsvorgehen für den Patienten ist. Und wenn sich die Teammitglieder einmal uneinig sind? Dann treffe der Notarzt die Entscheidung, sollte dieser

Noch nicht vor Ort sein, obliege diese Aufgabe dem Notfallsanitäter – also immer die Person, mit der höchsten medizinischen Ausbildung. Solche Situationen kommen aber kaum vor, wie aus Atais Ausführungen deutlich wird. „Eigentlich geschieht alles einvernehmlich.“

Was passiert aber, wenn der Patient eine lebensgefährliche Verletzung hat, bei Bewusstsein ist und eine Behandlung ausdrücklich ablehnt? „Dann müssen wir erst einmal klären, ob er in der Lage ist, einen klaren Gedanken zu fassen“, erklärt Atai. Bei lebensgefährlichen Verletzungen sei es oft der Fall, dass der Patient unter Schock steht. In einem solchen Zustand würden viele Menschen Entscheidungen treffen, wie sie es normalerweise nicht tun. „Wenn ich in einem solchen Fall dann aber nicht behandle, dann bringe ich den Patienten damit halt um“, so Atai weiter. Deshalb sei zunächst sicherzustellen, dass der Patient keine lebensgefährlichen Verletzungen mehr hat, „danach kann er dann immer noch mitentscheiden, ober behandelt werden möchte oder nicht“.

Teamgeist ist beim Rettungsdienst aber auch noch in einer weiteren Hinsicht ein äußerst wichtiger Bestandteil, nämlich bei der Behandlung des Patienten selbst. „Alleine wirst du keinen Berg versetzen können“, betont Atai. Er nennt das Beispiel der Reanimation: Wenn er alleine bei einem Patienten ist, dann kann er nur eine Herzdruckmassage durchführen. Ein zweiter Rettungsdienstler könnte aber zusätzlich dazu den Patienten noch beatmen, und ein dritter sogar einen Defibrillator organisieren. Das erhöht die Chancen des Patienten, dass sein Herz wieder ohne Hilfe schlägt und er überlebt.

Lisa Prause, Valentina Jovanovic und Romina Niyazi

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Eine helfende Hand


Vaterstetten/Moosach
– 49 Jahre im Gefängnis. Das ist eine ziemlich lange Zeit. Einen Mann, der in seiner Jugendzeit fünf Menschen tötete, ereilte ein solches Strafmaß. Nach beinahe einem halben Jahrhundert hinter Gittern kam er frei, zunächst auf Bewährung und nur unter der Auflage, in eine betreute Einrichtung zu ziehen – in die Wohngemeinschaft von Norbert Trischler und seiner Frau Ingrid nach Moosach im Landkreis Ebersberg. Dort lebt das Ehepaar mit 17 Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern.

Alle sind sie ehemalige Strafgefangene. Ein eher ungewöhnliches Wohnkonzept. Doch wie kam es dazu? Norbert Trischler ist Pastoralreferent. Seit eineinhalb Jahren betreut er seelsorgerisch obdachlose Menschen. Davor kümmerte er sich 29 Jahre um Strafgefangene in der Justizvollzugsanstalt Stadelheim in München. Seit 1995 lebt der 64-Jährige mit seiner Frau in einer WG in Moosach mit Ex-Häftlingen zusammen. Die WG ist angedockt

an den 1993 gegründeten Verein Tabor, der sich der Unterstützung Strafentlassener und anderweitig sozial belasteter Menschen verschrieben hat.

„Die eigentliche Problematik fängt für viele erst nach der Entlassung aus dem Gefängnis an“, erklärt Norbert Trischler. Kein Job. Kein Geld. Keine Wohnung. Oft kaum oder gar keine Freunde. Keine Orientierung, wie die Welt „da draußen“ überhaupt funktioniert. „Da brauchen die Betroffenen jemanden, der ihnen die Hand reicht!“

Ansonsten sei der Weg zurück in die kriminelle Szene ein sehr kurzer – die Rückfallquote belaufe sich auf 60 bis

70 Prozent, so Trischler. Und der 64-Jährige weiß, wovon er spricht: In den 29 Jahren, in denen er als Seelsorger in Stadelheim gearbeitet hat, sind ihm viele Menschen begegnet, Menschen mit vielen Problemen. „Jeder brachte

seinen Lebensrucksack mit zu seinem Gespräch mit mir“, erzählt Trischler. Es seien harte Lebensgeschichten, die aus den Rucksäcken gepackt wurden: schlimmer Missbrauch, langjährige Misshandlungen, eine lieblose Kindheit, keine erlebte Geborgenheit. „Wenn ich mir das alles zu eigen gemacht hätte, dann wäre ich nach spätestens zwei Wochen zusammengebrochen“, so Trischler weiter.

Und so fasste er einen Entschluss, ganz im Sinne seiner Selbstbestimmung: ImGespräch wurden die Probleme besprochen, manche konnte man vielleicht sogar gemeinsam lösen – aber nach dem Gespräch muss der Strafgefangene die übrigen Probleme wieder aufklauben, in seinen Rucksack verpacken und mitnehmen. „Jeder

Muss sein Leben auch selbst zu verantworten lernen,“ sagt er. „Ansonsten ist geteiltes Leid einfach nur doppeltes Leid.“

Anstatt die Probleme der Gefangenen zu nah an sich heran zu lassen, fand der 64-Jährige bessere Wege, ihnen zu helfen. So nahm er regelmäßig Zeitungen und Zeitschriften aus den vergangenen Tagen und Wochen mit ins Gefängnis – es war seine Initiative. Die Häftlinge hatten so nicht nur die Möglichkeit, sich die viele Zeit in der Zelle zu vertreiben, sondern Trischler gab ihnen dadurch einen Draht zur Außenwelt, zu dem, was dort geschah, über was die Menschen sprachen. Zeitung lesen reicht aber nicht aus, um nach einer Haftstrafe in ein geregeltes Leben zu finden. Um etwas zu schaffen, das noch stärker einen positiven Effekt auf die Ex-Gefangenen hat, hat das Ehepaar Trischler 1993 den Verein Tabor gegründet – übrigens kennen sich Norbert und Ingrid

Trischler aus dem Gefängnis in Stadelheim. Aber nicht, weil einer von ihnen dort einsaß: Während Norbert Trischler dort hauptberuflich arbeitete, engagierte sich seine Frau ehrenamtlich, irgendwann leiteten

sie gemeinsam eine Gesprächsgruppe. In der Wohngemeinschaft können sich die ehemaligen Strafgefangenen frei bewegen, sie entscheiden selbst, wann sie den Tag beginnen und beenden – wie in jeder anderen WG eben auch. Manche kommen aus freien Stücken, für andere ist der WG Einzug eine ihrer Bewährungsauflagen, so wie bei dem Mann, der nach 49 Jahren Haft in das Moosacher Tabor-Haus kam.

Hausregeln gibt es aber auch dort, wie Trischler sagt, und zu denen zählt ein striktes Verbot von Alkohol, illegalen Drogen und Gewalt. Außerdem ist ein Abend in jeder Woche der Gemeinschaft vorbehalten, dort werden Probleme diskutiert und Pläne für den Haushalt erstellt.

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Der Weg zur Selbstbestimmung

Stefanie Rösele ist 24 Jahre alt und kommt aus Erding. Seit Dezember 2019 arbeitet sie im Erdinger Frauenhaus. Im Gespräch mit der SZ erzählt die Sozialpädagogin von ihrer Arbeit mit Frauen, die durch gewalt- und leidvolle Partnerschaften ihre Stimme verloren haben.

SZ: Frau Rösele, dürfen Frauen entscheiden, in welches Frauenhaus sie ziehen?

Stefanie Rösele: Ja, das ist uns sehr wichtig. Viele betroffene Frauen informieren sich erst einmal und nehmen Kontakt zu mehreren Frauenhäusern auf. Es ist ja auch so: Wir im Landkreis Erding sind eher ländlich gelegen, wenn eine Frau nun aus einer Großstadt kommt, ist dieser Schritt raus aufs Land oft schwer – das können sich einige einfach nicht vorstellen. Sie gehen dann lieber zum Beispiel in das Frauenhaus nach München. Für andere Frauen ist ein Wechsel von der Großstadt in eine ländliche Gegend aber auch genau das Richtige, das kommt ganz auf den Fall an.

Was passiert, wenn alle Plätze belegt sind – werden Frauen, die bei Ihnen anfragen, dann einfachweiter geschickt?

Bei uns in Erding gibt es Platz für fünf Frauen und sieben Kinder. Sollten wir einmal keinen Platz mehr frei haben und es meldet sich dann aber eine Frau bei uns, dann vermitteln wir sie selbstverständlich weiter an andere Frauenhäuser. Niemand wird einfach weggeschickt.

Wie sieht ein Tag im Frauenhaus aus?

Das ist sehr individuell, die Frauen leben selbständig. Es ist also nicht so, dass wir sagen „um Punkt acht Uhr gibt es Frühstück“ oder etwas ähnliches. Jede Frau lebt nach ihrem Rhythmus und gestaltet ihren Alltag eigenständig. Viele Frauen haben noch beispielsweise Termine bei Behörden, wie zum Beispiel dem Jugendamt, dem Jobcenter oder anderen Beratungsstellen. Manche Frauen arbeiten tagsüber. Von uns gibt es eben verschiedene Freizeitangebote für die Frauen, vor allem auch für deren Kinder. Wir führen aber auch Beratungsgespräche oder begleiten die Frauen zu ihren Terminen.

Wie lange darf man im Frauenhaus bleiben?

Da gibt’s keine Begrenzung. In der Förderrichtlinie des Gesetzgebers stehen zehn Wochen als Regeldauer für einen Aufenthalt, aber in der Praxis lässt sich daran nicht festhalten. Manche Frauen gehen leider schon nach ein oder zwei Wochen zurück zum gewalttätigen Ex-Partner. Manche Frauen bleiben länger. Generell liegt das unter anderem daran, dass es gar nicht so einfach ist, eine eigene Wohnung auf dem freien Wohnungsmarkt zu finden.

Wie helfen Sie den Frauen sich wieder selbst zu finden und eine eigene Meinung zu bekommen?

Die Frauen, die zu uns kommen, haben den Zugang zu sich selbst und ihren Bedürfnissen verloren. Wir versuchen nun, sie auf ihre Stärken aufmerksam zu machen. Das machen wir durch verschiedene Gruppenangebote, zum Beispiel unseren gemeinsamen Frauenabend. Das Ziel bei jedem dieser Angebote ist natürlich, das Selbstwertgefühl zu stärken. Die Frau soll wieder Mut und Kraft bekommen, sodass sie ihr Leben eigenständig bestreiten kann.

Dürfen auch andere Leute ins Frauenhaus kommen, wie zum Beispiel Freunde der dort lebenden Frauen?

Nein, das geht leider nicht, weil unser Frauenhaus eine anonyme Adresse hat. Wenn jeder wüsste, wo das Frauenhaus ist, dann ist es auch leichter für die gewalttätigen Ex-Partner, die Frauen aufzufinden. Damit so etwas nicht passiert, soll unsere Adresse so unbekannt bleiben wie es nur geht. Wir müssen den Schutzaspekt unserer Arbeit unter allen Umständen aufrechterhalten. Die Frauen können sich aber natürlich außerhalb unseres Hauses mit ihren Freunden treffen.
Interview: Valentina Jovanovic, Romina Niyazi und Lisa Prause

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Schwerpunkt – Mitbestimmung in Extremen


Alle 5 Jahre wählen bayerische Bürger*innen den Landtag. Doch wie sieht es mit der demokratischen Mitbestimmung in Alltag aus? Wir suchen nach Antworten an Orten, in der Mitbestimmung für kurz oder lang eingegrenzt werden. Wieviel Mitbestimmung hat ein Bürger im Rettungswagen? Dürfen Gefängnisinsassen wählen, und wie sieht es mit der Mitbestimmung innerhalb eines Gefängnisses aus? Wie muss ein Wohnheim architektonisch gestaltet sein, damit der Diskurs zwischen den Bewohner*innen angeregt wird? Und kann man verlernen seine Meinung zu äußern?

Ab dem 08.03.21 haben sich Jungredakteuer*innen aus Vaterstetten das Schwerpunktthema journalistisch erarbeitet.

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